Bad Berleburg als internationale Wisent-Stadt anerkannt

Erfolgreiche Experten-Tagung im Schloss | Wissenschaftler aus ganz Europa nahmen teil

Bad Berleburg, 5. Oktober 2014. „Bad Berleburg hat sich als internationale Wisent-Stadt etabliert. Das gilt nicht nur für den Tourismus und das Artenschutzprojekt, sondern ganz betont auch für die Wissenschaft und Forschung.“ Diese positive Bilanz zieht der erste Vorsitzende des Wisent-Träger-Vereins, Bernd Fuhrmann, am Ende des dreitägigen Internationalen Wisent-Workshops, zu dem von Dienstag bis Donnerstag rund 50 Wisent-Experten aus ganz Europa im Berleburger Schloss zusammengekommen waren.

Rund 50 Wissenschaftler aus Deutschland, den Niederlanden, Dänemark, Polen, Litauen, Schweden, Rumänien und Spanien waren zu Gast in Wittgenstein. Es war bereits die zweite Internationale Wisent-Tagung in Bad Berleburg. Und in der Zwischenzeit sind zahlreiche dauerhafte Kontakte zwischen Wisent-Forschern in Europa, aber auch darüber hinaus, entstanden. Bad Berleburg ist deshalb auf der Karte des Wisent-Artenschutzes nicht mehr wegzudenken. So konnte Bernd Fuhrmann, sowohl als Bürgermeister der Stadt und zugleich als Vorsitzender des Trägervereins, die Experten in der „Wisent Stadt Bad Berleburg“ begrüßen.

Er unterstrich: „In der Region gibt es genug Platz für Menschen und Wisente.“ Das Wisent-Projekt habe sich mittlerweile als große Attraktion für in- und ausländische Besucher entwickelt. Alleine in der „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig wurden seit der Eröffnung im September 2012 rund 70.000 Besucher gezählt. In diesem Jahr sind es jetzt schon zirka 2.500 mehr als zum selben Zeitpunkt des vergangenen Jahres. Was die Forscher im Detail in den drei Workshop-Tagen noch diskutierten und darlegten, fasste Bernd Fuhrmann als Leitmotiv der Tagung schon zu beginn zusammen: In den rund eineinhalb Jahren seit der Freisetzung der Wisente im Rothaargebirge haben sich die meisten Bedenken als gegenstandslos erwiesen. Es gibt kein aggressives Verhalten der Tiere, Verkehrsunfälle sind ausgeblieben und die Artenvielvielfalt ist sogar gewachsen. Alleine die Schälschäden an Bäumen machen dem Verein Sorgen. Da nehmen wir unsere Verantwortung ernst und arbeiten mit an der Einrichtung eines Fonds zu Begleichung dieser Schäden, unterstricht Bernd Fuhrmann.

Johannes Röhl vom Wisent-Vorstand unterstrich bei seiner Begrüßung der Gäste im Schloss die vielfältigen Entwicklungen im Projekt seit dem ersten Workshop vor zwei Jahren. Er sagte auch im Hinblick auf die Klagen einzelner Waldbauern aus dem Hochsauerland: „Wir befinden uns derzeit in schweren Gewässern. Aber wir denken positiv.“ An die Wissenschaftler gerichtet, fuhrt er fort: „Es ist ein gutes Gefühl, euch in diesen Tagen hier zu haben. Das ist ein gutes timing.“

Einer der wichtigen finanziellen Förderer des Wisentprojektes ist das Bundesamt für Naturschutz in Bonn. BfN-Vertreter Dr. Uwe Riecken nannte es „beeindruckend, dass so viele Experten aus ganz Europa den Weg nach Bad Berleburg gefunden haben“. Es handele sich um eine „wichtige Konferenz“ und um ein „wichtiges Projekt“. Dr. Riecken erinnerte an die ersten Gespräche zum Wittgensteiner Wisentprojekt: „Viele unserer Kollegen dachten, das ist eine verrückte Idee. Aber es braucht wohl ein wenig an Verrücktheit für solch ein Projekt.“ Als dann schließlich im April 2013 die Zäune fielen und die ersten Wisente freigesetzt wurden, „war das ein sehr bewegender Moment in meiner beruflichen Karriere“, unterstrich Dr. Uwe Riecken.

Für die besondere Bedeutung des Wisent-Projektes führte Dr. Riecken neben dem Artenschutz vor allem drei Gründe an: Es gibt erstens Antworten zur ökologischen Rolle von großen Pflanzenfressern und zur Interaktion innerhalb der Wald- und Mittelgebirgs-Okösysteme. Weiterhin spiele die „menschliche Dimension“ in dem Projekt eine herausragende Rolle. Das gelte sowohl für Bildungs- und Akzeptanzaspekte als auch für die durch das Projekt ausgelösten regional-ökonomischen Effekte. Und drittens ist das Projekt politisch wichtig. Denn Deutschland setze sich weltweit für die Erhaltung von z.B. Elefanten, Tigern und Walen ein. Es gehöre deshalb auch zur eigenen Glaubwürdigkeit sich im eigenen Land für wilde Tiere einzusetzen.

Die wissenschaftlichen Ergebnisse der dreitägigen Konferenz fasste die wissenschaftliche Koordinatorin des Projekts zur Wiederansiedlung der Wisente im Rothaargebirge, Coralie Herbst, so zusammen: „Wir haben in der Vergangenheit viel von unseren ausländischen Kollegen und ihren Erfahrungen profitiert. Nach der Freisetzung der Wisente in Wittgenstein können wir jetzt erstmals auch etwas zurückgeben. Wir sind jetzt in der Lage, unsere Erkenntnisse und Ergebnisse zu teilen und die wissenschaftliche Zusammenarbeit noch mal zu vertiefen.“

Zu den wichtigsten Diskussionsthemen der Tagung zählten die von Wisenten verursachten Schälschäden an Bäumen. Den ähnliche Problematiken gibt es auch in anderen Ländern, etwa im niederländischen Wisent-Gehege Kraansvlak, in den Karpaten oder im polnischen Urwald. Deshalb haben Wissenschaftler des hiesigen Wisent-Projektes und niederländische Experten ein gemeinsames Forschungsprojekt verabredet. Dabei geht es um die Klärung, was Ursache des Schälverhaltens der Wisente sein könnte. In diesem Zusammenhang soll auch die These untersucht werden, dass die Wisente von Wildäckern angelockt werden, für die Verdauung des dort vorgefundenen saftigen Futters aber faserhaltige Nahrung benötigten, die sie dann vor allem aus der Rinde von Bäumen holten.

Ein weiteres bedeutendes Thema war die Interaktion von Mensch und Tier. Allen Berichten aus den bei der Konferenz vertretenen Ländern war gemeinsam: Es gibt keinen einzigen riskanten Zwischenfall mit Wisenten. Auch im dänischen Bornholm nicht, wo jährlich mehr als 200.000 Besucher durch ein Wisent-Areal gehen. „Wisente sind sehr geduldig und friedlich, sie dulden und ignorieren Menschen“, fasst Coralie Herbst die vielfältigen Erfahrungen zusammen.

Zum Ende der Konferenz gab es dann noch eine schöne Überraschung für die Wittgensteiner Wisent-Freunde. Denn Yvonne Kemp, die sich auch beim „European Rewilding Network“ engagiert, überreichte Coralie Herbst und Bernd Fuhrmann die Aufnahmeurkunde des hiesigen Wisent-Vereins in das Netzwerk. „Wir sind stolz, als Partner in dieses Netzwerk berufen worden zu sein“, freute sich Bernd Fuhrmann und bedankte sich bei den Mitarbeitern des Vereins, die mit ihrem Engagement diese Auszeichnung erst möglich gemacht hätten.