Die Tiere kommen

Bauarbeiten an der „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“ haben begonnen

„Die Tiere kommen“! Diese frohe Botschaft verkündete der Vorstand des Trägervereins Wisent-Welt-Wittgenstein (v.l.) Johannes Röhl, Bernd Fuhrmann und Paul Breuer am Mittwoch im Rahmen der Presskonfernz in Bad Berleburg.

Bad Berleburg, 21. September 2011 Der Außenzaun ist bereits fertiggestellt. Die Baugenehmigung für den Innenzaun wird jeden Tag erwartet, die Errichtung selbst dauert dann noch etwa drei Wochen. Im November 2011 können dann die ersten Tiere in die „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“ einziehen. „Damit geht die Wisent-Wildnis am Rothaarsteig nun in die konkrete Umsetzungsphase“, freut sich Bernd Fuhrmann, der Erste Vorsitzen­de des Trägervereins „Wisent-Welt-Wittgenstein e. V.“ Besuche­r müssen sich aber noch bis nächstes Jahr gedulden, ehe sie die Tiere dann auch hautnah erleben können.

Die „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“ ist das Guckloch in das Artenschutzprojekt zur Wiederansiedlung der Wisente in Wittgenstein. Die neunköpf­ige Herde wird zurzeit auf die Freisetzung im Wisent-Wald im Eigen­tum von Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg vorbereitet. Wegen der Ausmaße des rund 4.300 Hektar großen Areals werden Wanderer die Tiere dort aber praktisch nicht antreffen. Die „Wisent-Wildnis am Rothaar­steig“ präsentiert deshalb eine zweite Herde. Diese wird in der „Wisent-Wildnis“ so naturnah wie möglich leben und soll sich dort auch natürlich vermehren.

Die Zusammensetzung der Herde spielt dafür eine entscheidende Rolle. Die das Artenschutzprojekt begleitenden Wissenschaftler müssen deshalb solche Tiere aussuchen, die genetisch gut zusammenpassen. Den Planungen zufolge, werden zwei zweijährige Wisent-Kühe aus Hanau in die Wildnis einziehen. Aus der schon vorhandenen Herde werden der dreijährige Bulle Horno und die zehnjährige Kuh Gutelaune dazu stoßen. Und schließlich sind die Wissenschaftler schon seit eineinhalb Jahren auf der Suche nach einer erwachsenen Wisent-Kuh. Sie soll die Herde komplettieren. „Wir wollen mit fünf Tieren starten“, sagt Bernd Fuhrmann.

„Wir haben aus dem Artenschutzprojekt und dem Verhalten der Tiere unter­einander viel gelernt“, unterstreicht Vereins-Vorstand Johannes Röhl. „Die Tiere, die neu in die Wildnis kommen, brauchen erst einmal Zeit, um sich zu einer Gruppe mit festen Strukturen und einer Rangordnung zu organi­sieren. Das ist sehr wichtig; die Tiere müssen sich wohlfühlen. Erst dann können die Menschen zu ihnen kommen“, betont Röhl.

„Gründlichkeit geht vor Eile. Wir haben einen hohen Anspruch an das Projekt und wollen schließlich kein Zooprojekt“, unterstreicht Vereinsvorstand Paul Breuer die Strategie des Vereins. Für den Gesetzgeber, die Genehmigungsbehörden und den Verein handele es sich um ein neues und innovatives Projekt, für das noch keinerlei Erfahrungen vorlägen. Dies habe sich zum Beispiel am Innenzaun für die „Wildnis“ gezeigt. Dort forderten die Behörden noch im September 2011 neue Unterlagen für das Genehmigungsverfahren an. Für die Gestaltung des Innenzauns, der Besucher und Wisente trennt, hat der Verein sogar ein internationales Gutachten in Auftrag gegeben, denn die speziellen Anforderungen sind mit vorhandenen Projekten nicht vergleichbar. Der renommierte Wisent-Experte Joep van de Vlasakker aus den Niederlanden hat es erstellt. Das aufwendige Gutachten und komplizierte Genehmigungsprozesse haben schließlich dazu geführt, dass die „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“ noch nicht in diesem Jahr für Besucher eröffnet werden kann.

Dennoch geht es in den nächsten Wochen schon richtig los. Zuerst war der Außenzaun dran, jetzt folgt der Innenzaun: Der Außenzaun ist zirka 3,3 Kilometer lang und zwei Meter hoch. An einigen Stellen lässt er eine Bodenfreiheit von rund 40 Zentimetern, so dass in der „Wisent-Wildnis“ zum Beispiel auch Rot- und Muffelwild sowie Wildschweine ein- und ausgehen können. Der Innenzaun ist etwa 2,4 Kilometer lang und 1,70 Meter hoch. Er besteht aus drei Litzen. Der Innenzaun wird u.a. durch Wurzel­teller, Sträucher, Pflanzen und Naturelemente so gestaltet und kaschiert, dass er nicht als Zaun auffällt. Sobald der Innenzaun errichtet ist, kommen schließlich die Tiere. Parallel wird mit den Erdarbeiten für die ersten Elemente in der Wildnis begonne­n. „Der Erlebiswert soll über die Jahre hinweg gesteigert werden. Wir werden stufen­weise vorgehen, d.h. wir werden eine Attraktion nach der anderen fertigstellen.“, sagt Paul Breuer.

Konkret werden in diesem Jahr in Angriff genommen und errichtet:

  • die Talausbauten für die Anlage des rund drei Kilometer langen
  • Erlebnis-Wanderpfades
  • die Erdarbeiten für den Menschentunnel unter den Wisenten hindurch
  • die Eröffnung der Wisent-Erlebnisausstellung in der alten Landratsvilla in der Poststraße, Bad Berleburg
  • die touristische Beschilderung

Die Beschilderung der „Wisent-Wildnis“ erfolgt in Kooperation mit dem Touristikverband Siegerland-Wittgenstein (TVSW). Dafür stehen Mittel für touristische Infra­struktur des Konjunkturpakets II der Bundesregierung zur Verfügung, die über den Kreis Siegen-Wittgenstein vergeben werden. Die Regeln des Bundeslandes sehen vor, dass eine Hinweisbeschilderung nur im Umkreis von maximal zehn Kilometer Luftlinie erfolgen darf. Dafür hat der TVSW ein entsprechendes Konzept ausgearbeitet. Die Wegeführung orientiert sich dabei an den Routen der Navigationsgeräte. Die Hinweisschilder werden noch in diesem Jahr an bis zu 50 Standorten aufgestellt.

In einem zweiten Bauabschnitt folgen dann ab 2012 sukzessive die Elemente „Nest“, „Aussichtsplattform“, „Steinbastion“ und „Guckloch“. Derzeit befindet sich der Verein bereits in Gesprächen über den Bau des Parkplatzes an der „Wisent-Wildnis“. Dieser soll extern vergeben werden. Es ist in der ersten Ausbaustufe eine Fläche für 94 Pkw und vier Busse vorgesehen.

Im kommenden Jahr werden dann auch die ersten Schritte für ein Info-Center und die Gastronomie folgen. Der Verein setzt dabei auf das Konzept einer ländlichen Hofstelle. Das Ensemble aus mehreren kleinen Gebäuden entsteht in Holzbauweise, ist regional angepasst und wird mit Holz aus der Region gefertigt. Neben Info-Center und Gastronomie sollen dort dann auch die Wisent-Erlebnisausstellung und das Wisent-Büro einziehen. Die Kosten für das Gesamtprojekt „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“ liegen bei mehr als einer Million Euro. „Wir sind ein kleiner Verein mit einer überschaubaren Zahl an Menschen und wenig Geld“, sagt Vorsitzender Bernd Fuhrmann. Deshalb wirbt er um Unterstützung: „Wir sind deshalb auch auf finanzielle Hilfe angewiesen.“

Das Artenschutzprojekt in einem bewirtschafteten Wald im Eigentum von Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein Berleburg wird vom Bundesamt für Naturschutz aus Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und dem Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen sowie vom Kreis Siegen-Wittgenstein, der Stadt Bad Berleburg und zahlreichen privaten Sponsoren gefördert.