Die Vision ist Realität geworden

Landesregierung macht den Weg frei zur Freisetzung der Wisente im Wittgensteiner Wald / Großer Erfolg für einmaliges Artenschutzprojekt in West-Europa

Bad Berleburg, 20. Dezember 2012. Das Umweltministerium macht den Weg frei zur Freisetzung der Wisente. Damit sind die Voraussetzungen geschaffen, damit die Wisente noch in diesem Winter in die Freiheit entlassen werden und ihre zukünftige Heimat im Wittgensteiner Wald in Besitz nehmen können. Der erste Vorsitzende des Trägervereins „Wisent-Welt-Wittgenstein“, Bernd Fuhrmann, betont zufrieden: „Das ist ein großartiger Erfolg für das Artenschutz-Projekt und für alle, die daran mitgewirkt haben.“

Bernd Fuhrmann lobt ausdrücklich die qualitativ hochwertige Forschungsarbeit der beteiligten Universitäten Siegen, Frankfurt und Göttingen sowie des Ingenieurbüros für Grünplanung und Tierökologische Gutachten, Berlin, und des Büros Portig-Frede unter der Leitung des Wissenschaftlichen Koordinators Dr. Jörg Tillmann. Besonderer Dank für ihr Engagement richtet er zudem an die Mitarbeiter im Wisent-Büro, Lena Gruß und Andrea Treude-Kirchner, den Wisent-Ranger Jochen Born sowie die vielen ehrenamtlichen Helfer. „Ohne den Einsatz der Mitarbeiter, der in vielen Fällen weit über das normale Maß hinausging, hätten wir das Projekt nicht realisieren können“, unterstreicht Bernd Fuhrmann.

Bernd Fuhrmann hebt außerdem noch einmal die Initiative von Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg hervor, der mit seiner Idee von frei laufenden Wisenten in einem bewirtschafteten Wald den visionären Anstoß für das Projekt gab. Auch Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg freut sich über den Bescheid aus Düsseldorf und sagt: „Ich bin hoch erfreut. Wir haben gespannt auf diese Entscheidung gewartet. Nun wissen wir, dass sich die lange Zeit der gewissenhaften Vorbereitung gelohnt hat.“

Nach jahrelangen Planungen und Vorarbeiten, waren die ersten Wisente im März 2010 nach Bad Berleburg gekommen. Egnar und Co. erhielten dort erst einmal ein rund 88 Hektar großes Eingewöhnungsareal. Darin wurden sie auf ihre künftige Freiheit vorbereitet. Die ist nun gekommen: Frei laufende Wisente in einem bewirtschafteten Wald, das gibt es in ganz Westeuropa nur in Wittgenstein.

„Mit der Freisetzung der Wisente in Wittgenstein wird die derzeit unbesetzte ökologische Nische des großen Gras- und Raufutterfresser im Ökosystem Wald wieder besetzt“, betont Dr. Peter Finck vom Bundesamt für Naturschutz in Bonn. „Das Freisetzungsprojekt kann zudem einen Beitrag zur Erhaltung dieser vom Aussterben bedrohten Tierart leisten.“

Über einen Zeitraum von knapp drei Jahren wurden die Wisente im Eingewöhnungsareal wissenschaftlich begleitet. Eine Steuerungsgruppe wurde installiert, die als eine Art Aufsichtsrat das gesamte Projekt begleitet hat. Ihr Vorsitzender Paul Breuer, zugleich zweiter Vorsitzender des Wisent-Trägervereins, unterstreicht: „Für solch ein Freisetzungsprojekt gibt es kein Blaupause. Hier wurde deshalb Pionierarbeit geleistet. Wir haben alle Fragen offensiv beantwortet, sind transparent vorgegangen und haben alle Interessengruppen mitgenommen. Das war ein langer, aber lohnender und erfolgreicher Prozess.“

Zwischen dem Trägerverein und dem nordrhein-westfälischen Umweltministerium wurde zu Beginn des Wisent-Projekts ein öffentlich-rechtlicher Vertrag geschlossen. Dort ist die Pflicht des Vereins zur wissenschaftlichen Begleitforschung festgehalten, um den umfangreichen Fragenkatalog zu den vielfältigen Auswirkungen einer Freisetzung der Wisente zu beantworten. Diese Antworten waren die Basis für die jetzt erfolgte Freisetzungsgenehmigung des Ministeriums. Denn den Forschungen zufolge, gehen von den Wisenten keine zusätzlichen Risiken für Mensch, Umwelt und Wirtschaft aus. Im Gegenteil: Die Tiere sind in vielfältiger Weise eine Bereicherung des Ökosystems.

Für die Freisetzung der Wisente ist der Winter die ideale Jahreszeit. Der Wissenschaftliche Leiter des Wittgensteiner Wisent-Projektes, Dr. Jörg Tillmann, erläutert: „Die Freisetzung sollte im Winter erfolgen, damit die Wisent-Gruppe mit Beginn des Frühjahres nicht abrupt, sondern allmählich ihr Streifgebiet erweitert. Damit werden eine hohe Standorttreue und die Etablierung der Wisente in der Region erreicht. Denn im Winter sind die Tiere durch die Fütterung sehr gut räumlich lenkbar, und ihr Aktionsradius beschränkt sich auf das direkte Umfeld der Fütterung.“ Für die Freisetzung selbst gibt es noch keinen exakten Termin. Sie wird aus wildbiologischer Sicht aber sinnvollerweise bis spätestens Mitte März 2013 erfolgen.

Für die Freisetzung soll es laut Ministerium erneut einen öffentlich-rechtlichen Vertrag geben. Dort wird dann das genaue Prozedere der Freisetzung zwischen Trägerverein, Land, Kreis, Bezirksregierung und Grundstückseigentümer festgelegt. Denn mit der bevorstehenden Freisetzung ist das Wisent-Projekt noch nicht zu Ende. Zu den künftigen Aufgaben gehören u. a. die weitere Erforschung des Wanderungsverhalten der Wisente in Freiheit sowie die Auswirkungen auf den Natur- und Artenschutz und die öffentliche Sicherheit.

Johannes Röhl vom Vorstand des Wisent-Trägervereins erklärt deshalb: „Wir werden die Tiere weiterhin managen. Das heißt: Wir schauen, wie und wohin sie sich bewegen, wir füttern sie und versorgen sie veterinärmedizinisch. Das bedeutet auch: Die Tiere haben keinen herrenlosen Status, sondern der Trägerverein ist weiterhin verantwortlich. Diese Phase kann sicherlich noch einige Jahre dauern, ehe die Tiere dann als komplett frei zu betrachten sind.“

Das Artenschutzprojekt wird vom Bundesamt für Naturschutz aus Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und dem Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.