Freisetzung der Wisent-Herde rückt näher

Steuerungsgruppe gibt grünes Licht

Bad Berleburg, 16. August 2012: Die Steuerungsgruppe unterstützt die geplante Freisetzung der Wisente im Wittgensteiner Wald. Das Gremium stellte sich in seiner Sitzung am Mittwochabend in Bad Berleburg einmütig hinter das Projekt. „Damit ist ein weiterer großer Schritt in Richtung Freisetzung gelungen“, kommentiert der Vorsitzende der Steuerungsgruppe, Paul Breuer, das Ergebnis der Sitzung. „Die Position der Steuerungsgruppe bestätigt die erfolgreiche Arbeit des Trägervereins der vergangenen Jahre“, sagt Bernd Fuhrmann, Vorsitzender des Trägervereins Wisent-Welt-Wittgenstein. Die Steuerungsgruppe ist eine Art Aufsichtsrat für das Wisent-Projekt. Nun ist das Umweltministerium in Düsseldorf am Zug. Gibt es dort keine Einwände mehr, können die Könige der Wälder wahrscheinlich im beginnenden Winter in die freie Natur entlassen werden. Dies wäre dann einzigartig in ganz Westeuropa.

Die Steuerungsgruppe setzt sich aus Vertretern von relevanten Behörden, Verbänden und Institutionen zusammen. Sie hat die Befugnis, das Wisent-Projekt zu stoppen oder fortzuführen. Daher ist die Haltung dieses Gremiums zur Freisetzung so wichtig. Die derzeit acht Wisente werden seit März 2010 in einem 88 Hektar großen Eingewöhnungsareal bei Bad Berleburg auf ihre geplante Freiheit vorbereitet. Da sie alle aus Gehegen mit Publikum kommen, mussten sie erst ihre natürliche Scheu vor Menschen wiedererlangen. Wissenschaftler von vier Universitäten (Frankfurt, Siegen, Göttingen und Hannover) hatten intensive Versuche zu umfangreichen Fragestellungen rund um das Verhalten der Wisente durchgeführt. Nach der Freisetzung wird ein rund 4.300 Hektar großer Wald im Eigentum von Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg das neue Zuhause der sanften Riesen werden. Er ist auch Initiator des Projekts.

Zwischen den Beteiligten und dem nordrhein-westfälischen Ministerium wurde zu Beginn des Vorhabens ein öffentlich-rechtlicher Vertrag geschlossen. Dort ist die Pflicht des Vereins zur wissenschaftlichen Begleitforschung festgehalten, um den umfangreichen Fragenkatalog zu den vielfältigen Auswirkungen einer Freisetzung der Wisente zu beantworten. Der Katalog der Antworten umfasst knapp 70 Seiten und wurde der Steuerungsgruppe am Mittwoch als Entwurf zur Diskussion und Bewertung vorgelegt. Es wurden dabei keine Einwände gegen die im Katalog formulierten Bewertungen und Einschätzungen erhoben. Zu dem waren unterschiedliche Landesbehören (LANUV, Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung, etc.) an der Beantwortung beteiligt.

Deshalb wird der Fragen- und Antworten-Katalog nun im nächsten Schritt dem Land zugeleitet. Dort werden sich Experten unterschiedlicher Abteilungen mit dem Papier befassen und es bewerten. Werden auch dort keine Einwände vorgebracht, steht der Freisetzung nichts mehr entgegen.

Der wissenschaftliche Koordinator des Projekts, Dr. Jörg Tillmann, betonte, dass eine Freisetzung mit Beginn des kommenden Winters die beste Variante sei. Denn dann bewegten sich die Tiere auf engem Raum und seien durch Fütterung optimal zu steuern. Die Geburt der beiden Kälbchen Queen und Quandor trage zudem dazu bei, die Standorttreue der Gruppe zu erhöhen. Außerdem blieben die Tiere in der Regel zusammen. Bei der aktuellen Herdenbesetzung sei nicht davon auszugehen, dass einzelne Wisente vagabundierten. Außerdem würden die scheuen Tiere auch nach der Freisetzung „gemanagt“. Das heißt: Es erfolgt eine Steuerung, um die Tiere im Areal zu halten. Deshalb hatten sich Wissenschaftler, Vereinsvorstand und Steuerungsgruppe auch gegen eine wie auch immer geartete Zaunvariante zum Sauerlandkreis hin ausgesprochen. Diese sei sachlich nicht notwendig.

Johannes Röhl vom Trägervereinsvorstand betonte, dass von der anfänglichen Skepsis einiger Nachbarn nichts mehr zu spüren sei. Der Verein habe viele Gespräche geführt, ausführlich informiert und nachhaltig aufgeklärt. Die Sorgen und Bedenken der Anrainer seien sehr ernst genommen worden, konnten aber alle im intensiven Austausch ausgeräumt werden. Bei den Nachbarkreisen und -städten, unterstrich der erste Vorsitzende des Trägervereins, Bernd Fuhrmann, herrsche jetzt ein großes Vertrauen in die handelnden Menschen des Projekts.

Jörg Tillmann unterstrich noch einmal, dass die Wisente eine bedeutende Bereicherung des Naturraums seien und dass die Wirkung auf die Artenvielfalt, die Tiere und Pflanzen im Wald positiv sei. Die verhaltenskundlichen Untersuchungen hätten ergeben, dass zufällige Begegnungen zwischen Menschen und Wisenten keine Gefahr darstellten, da die Wisente inzwischen ihr natürliches Scheuverhalten zeigten und sich vom Menschen entfernten. Dr. Tillmann betonte auch, dass das Bad Berleburger Projekt mittlerweile Vorbildcharakter für weitere ähnliche Vorhaben in ganz Europa – z. B. Dänemark und Spanien – habe. Es leiste einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der bedrohten Tierart, bereichere das Ökosystem, fördere zudem die Regionalentwicklung und sei wichtig für den Naturtourismus.

Das Artenschutzprojekt in einem bewirtschafteten Wald im Eigentum von Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein Berleburg wird vom Bundesamt für Naturschutz aus Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und dem Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.