Geboren, um frei zu sein

Artenschutzprojekt vermeldet erneut Nachwuchs bei größten Landsäugern des Kontinents / Einzig frei lebende Wisent-Gruppe in Westeuropa ist auf zehn Tiere angewachsen

Bad Berleburg, 3. Juni 2013. Die Freiheit scheint den ersten ungebunden lebenden Wisenten in Westeuropa gut zu bekommen. Nach dem gerade Anfang Mai das männliche Kälbchen Quintus das Licht der Welt in den Wittgensteiner Wäldern (Nordrhein-Westfalen) erblickt hatte, wurde nun am 22. Mai bereits das nächste Wisent-Kalb geboren. Damit ist die im April 2013 nach dreijähriger Vorbereitung in die Freiheit entlassene Wisent-Gruppe auf jetzt zehn Tiere gewachsen. Dem ersten Anschein nach geht es dem Neugeborenen gut.

Detaillierte Aussagen liegen derzeit noch im Bereich der Spekulation. Lediglich Leitkuh Araneta scheidet als Mutter aus, da sie erst vor drei Wochen Quintus geboren hat. Infrage kommt deshalb nur eine der Kühe mittleren Alters: Abdia, Abtisa oder Daviedi, alle Jahrgang 2008. Auch das Geschlecht des Kalbes konnte noch nicht festgestellt werden. Deshalb hat es natürlich noch keinen Namen.

Das Artenschutzprojekt wird auch nach der Freisetzung der Tiere weiter von Wissenschaftlern begleitet. Sie stießen bei ihren Feldversuchen vor wenigen Tagen auf die Herde und waren erstaunt, dass sich dort ein zweites neugeborenes Kalb tummelte – im Kreise der Gruppe und offenkundig in guter körperlicher Verfassung.

Bernd Fuhrmann, der erste Vorsitzende des Trägervereins „Wisent-Welt-Wittgenstein“, freut sich über den Wisent-Nachwuchs: „Wir sind ganz positiv überrascht; wir haben damit überhaupt nicht gerechnet.“ Nach Quintus ist das neue Kälbchen das zweite wild geborene Wisent nach vielen hundert Jahren in Deutschland und darüber hinaus. Bernd Fuhrmann betont deshalb: „Das ist ein toller Erfolg für das Artenschutzprojekt. Es zeigt auch, dass sich das Engagement aller Helfer und Unterstützer immer wieder lohnt.“

Johannes Röhl vom Wisent-Vereinsvorstand appelliert an Waldbesucher, sich nicht auf die Suche nach der Herde zu machen. Die ist bei der riesigen Waldfläche sowie kaum aufzustöbern. Sollten aber Wanderer dennoch zufällig auf die Wisent-Gruppe stoßen, sollten sie sich respektvoll verhalten, wie gegenüber anderen Wildtieren im Wald auch. Denn mit zwei neugeborenen Kälbchen befindet sich die Wisent-Familie in einer sensiblen Phase, in der der Nachwuchs gegen alles Außenstehende verteidigt wird. Wanderer sollten deshalb Abstand halten und das Bild aus der Ferne genießen. Außerdem, erklärt Johannes Röhl, „stellt das Verlassen der Waldwege dort, wo sich die Tiere im Augenblick im Naturschutzgebiet bewegen, eine Ordnungswidrigkeit dar. Auch das Nachstellen von Wild ist nicht erlaubt.“

Wer Wisente live und aus der Nähe sehen möchte, kann die „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“ besuchen. Dort gibt es eine zweite Wisent-Herde. „Die „Wildnis“ zwischen Bad Berleburg-Wingeshausen und Schmallenberg-Jagdhaus ist ein einzigartiges rund 20 Hektar großes Areal, das extra für Besucher geschaffen wurde. In der „Wildnis“ leben die mächtigen Tiere in einer praktisch naturbelassenen Umgebung. Die „Wildnis“ bietet ein außergewöhnliches Natur- und ein faszinierenden Tiererlebnis für die ganze Familie.