Dreharbeiten zum Beitrag Heimatflimmern: Das grüne Herz Westfalens

Heimatflimmern: Das grüne Herz Westfalens

Siegen-Wittgenstein ist der waldreichste Kreis von NRW und sogar von ganz Deutschland: um die 70% des Kreisgebietes sind von Wald bedeckt! Dieser Forst hat Historie. Und er ist in Gefahr: die Folgen des Klimawandels, Stürme wie Kyrill, die Hitze und Trockenheit der letzten Jahre, die die Borkenkäferplage zum Ausbruch brachten: Siegen Wittgenstein ist ein Hotspot! Die Augen sind auf diese Region gerichtet. Wie geht es? Wie kam es dazu? Und wohin geht es?

Mit diesen Fragen sind die Filmemacherinnen Katja Debus und Katrin Buhbut in die ausgedehnten Wälder Siegen-Wittgensteins gegangen und haben eine multiperspektivische Dokumentation geschaffen, die die Region, Wald und Leute vorstellt, und dabei in die Vergangenheit, die Gegenwart und Zukunft blickt.

Ganz aktuell ist eine neue Förstergeneration dabei, dem Klimawandel zu begegnen – mit sämtlichen nunmehr bekannten Wissen und Wegen, und immer noch offenen Fragestellungen. Ann-Sophie Bilsing hat als jüngste Revierleiterin im Regionalforstamt Siegen – Wittgenstein keine Schonzeit: auf 2.200 Hektar Waldfläche brennt es an allen Ecken und Enden. Betreut sie doch die für das Siegerland typischen Waldgenossenschaften mit – für viele ist ein Stück Waldanteil eine sichere Bank -gewesen. Damit das vom Borkenkäfer zerstörte Holz wenigstens noch etwas Erlös bringt, kämpft Ann-Sophie an vorderster Front. Und darf die anderen Aufgaben nicht vernachlässigen. Jagd ist für die 25-Jährige selbstverständlich. Genauso wie der Naturschutz. Um die Vielfalt im Wald gedeihen zu lassen. Ein Stichwort für die Zukunft, an der Ann-Sophie so fleißig wie zuversichtlich arbeitet. Und es gibt wahrlich viel zu tun – allein am Regionalforstamt sind es um die 17.000 Privatwaldbesitzer – und 80.000 Hektar Wald!

In Siegen Wittgenstein übersteigen die Schäden durch den Borkenkäfer bereits jetzt die durch Kyrill um ein Mehrfaches. Wie der Sache Herr werden? Im fürstlichen Forst von Bad Laasphe – Sayn-Wittgenstein-Hohenstein setzt der pioniergeistige Forstingenieur Adrian Busch auf Hightech. Beschleunigte Prozesse erfordern beschleunigte Maßnahmen. Was manchen erstaunen lassen mag – digitale Hightech im Wald kann auch Waldschutz bedeuten und selbst die neuen großen Harvester, mit mehr Verteillast auf den Rädern belasten die Böden weniger als ihre Vorgänger. Für Adrian Busch keine Frage: Sie passt zusammen, die Waldwirtschaft 4.0 mit dem Ökosystem Wald als Lebensgrundlage für Mensch, Flora und Fauna.

Kaja Heising managed eine wilde Herde. Und zwar die einzige wildlebende Herde Wisente Westeuropas, die 2013 am Rothaarsteig Einzug hielt. Dabei hat das Wildtier-Management, was Kaja Heising im niederländischen Leeuwarden studiert hat, mit beiden zu tun: den frei lebenden Tieren genauso wie mit den Menschen. Gerade, wenn man wieder neu miteinander zu tun hat, wie im Fall der Wisente, die nur knapp dem Aussterben entgangen sind. Selbst wenn es sich um die größten Landsäugetiere Europas handelt, zwei Dutzend Wisente gehen schnell im Wald unter. Kaja braucht also die Hilfe von Technik – und Menschen, die im Wald auf Spuren der Tiere stoßen.

Seit ungezählten Generationen gestaltet der Mensch Wälder zu seinen Zwecken – und lebt von ihm. Forstwirtschaft betreiben die Wittgensteiner Rentkammern, wie man die beiden fürstlichen Forsthäuser in Bad Berleburg und Bad Laasphe nennt, von alters her. Und sie arbeiten immer nach dem jeweiligen Wissensstand und Zeitgeist. Forstdirektor Henning Graf von Kanitz kann das eindrucksvoll zeigen. Ob im Archiv der Rentkammer oder direkt im Schloßwald gelegenen Friedwald, der eine der ersten wäldlichen Ruhestätten Deutschlands ist.

Frauen im Wald? Ja, heute ist der Försterberuf auch für Frauen im Trend. Aber dass es noch gar nicht lange her ist, dass Frauen ganz selbstverständlich Arbeiten im und um den Wald verrichteten, in Pflanzgärten Bäume zogen, im Wald Wege bauten, ist in Vergessenheit geraten. Wäre da nicht ein kleines geläufiges Denkmal: die 50 Pfennig Münze, die den sogenannte Kulturfrauen, gewidmet ist. Nicht zuletzt, weil sie nach dem zweiten Weltkrieg enorme Waldflächen wieder aufpflanzten. Es waren tausende. In Wittgenstein. In NRW. In ganz Deutschland. Die Bad Berleburger Rentkammer beschäftigt heute noch zwei Kulturfrauen: Iris Imhof und Elke Bäcker-Heuel.

Der Film zeigt eindrücklich: Die komplexen Herausforderungen, die das Leben mit und aus dem Wald aufstellt, meisterten und meistern die Menschen im Rothaargebirge immer nur in gemeinsamer Anstrengung. Und es ist dieser Zusammenhalt, der die Basis für eine hoffentlich erfolgreiche Zukunft ausmacht – ob bei den Förstern, bei den WaldarbeiterInnen, den Artenschützern, den Touristikern oder dem privaten Waldbauern aus der Waldgenossenschaft. Dabei ist dieser so präsente Siegen-Wittgensteiner Wald selbst Protagonist wie Sinnbild: denn auch er formiert sich in Generationen mit mindestens menschlichem Zeithorizont – und immer auch im gesellschaftlichen Verbund. Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass es dem Wald am Rothaarsteig schlecht geht. Sein Name kommt nicht von ungefähr: Rodt Hard – bedeutet: gerodeter Bergwald.

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