Kleiner Pieks mit großer Wirkung

Wisente erfolgreich gegen die gefährliche Blauzungenkrankheit geimpft

Treffsichere Impfung der Jungkuh „Abdia“.

Bad Berleburg, 21. Juni 2011. Bulle Egnar war dann doch schon etwas überrascht. Und ist erst einmal ein paar Schritte davon gestürmt. Denn der Einstich kam für ihn aus heiterem Himmel. Dabei entfaltet der für ein Wisent relativ kleine Pieks eine große Wirkung: Kreistierarzt Dr. Wilhelm Pelger, sein Assistent, und Wissenschaftler des Wisent-Artenschutzprojektes unterzogen die achtköpfige Herde jetzt einer Impfung gegen die gefährliche Blauzungenkrankheit. Egnar und Co. werden derzeit in einem 88 Hektar großen Eingewöhnungsgehege auf ihre Freisetzung vorbereitet. Zum Schutz der Tiere und des in Westeuropa einzigartigen Projekts wurden die Tiere nun gegen einen ihrer bedrohlichsten Feinde immunisiert. Denn die Blauzungenerkrankung kann von Appetitlosigkeit und Fieber bis hin zu Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten führen und sogar tödlich enden, erläutert Dr. Peter Finck vom Bundesamt für Naturschutz und dort zuständig für das Bad Berleburger Artenschutzprojekt.

Nun lässt sich über eine Impfung von Wisenten theoretisch leicht reden. In der Praxis ist sie aber durchaus kompliziert. Denn die Tiere müssen erst einmal über attraktives Futter in das ein Hektar kleine Fanggehege gelockt werden. Und dann gilt es, die Impfung exakt und wirkungsvoll zu platzieren. Denn die Tiere halten ja nicht still. Aus einer Entfernung von bis zu 30 Metern wird ihnen deshalb mit einem Luftdruckgewehr eine Impfung zielgenau in den Körper gesetzt. Das Medikament in der Spritze wird dabei durch Druck durch die Haut in das Muskelgewebe gepresst. Da die Spitze keinen Widerhaken besitzt, streifen sie die Tiere durch ihre Bewegung innerhalb kurzer Zeit ab. Binnen weniger Stunden war die Impfung dann auch ohne Komplikationen vollzogen, berichtet Dr. Jörg Tillmann, der Wissenschaftliche Koordinator des Artenschutzprojektes.

Wie dramatisch sich die Blauzungenkrankheit auswirken kann, zeigt das Beispiel der Wisent-Zucht in Hardehausen. Dort hatte der Erreger im Jahr 2007  gleich zehn Wisente getötet. Die meldepflichtige Erkrankung stammt ursprünglich aus dem südlichen Afrika und wurde nach Europa eingeschleppt. In Nordrhein-Westfalen wurde sie erstmals 2006 festgestellt. Die Virusinfektion bei Wiederkäuern trifft in erster Linie Schafe, Rinder und Ziegen. Wisente haben sich dabei als besonders anfällig erwiesen. Menschen werden nicht angesteckt, deswegen können auch Milch und Fleisch von betroffenen Haustieren ohne Risiko konsumiert werden. Das Blauzungenvirus wird durch Mücken übertragen. Sie gehören zur Familie der Gnitzen. Die Mücken nehmen das infizierte Blut eines Tieres beim Saugakt auf und geben es auch auf diesem Weg weiter. Eine Mücke kann bei entsprechenden Windverhältnissen dabei Strecken von bis zu 200 Kilometern zurücklegen.

Grundsätzlich müssen die Tiere jährlich gegen die Blauzungenkrankheit geimpft werden, damit die Schutzwirkung erhalten bleibt. Dies ist auch für die Wisente die Zielsetzung, unterstreicht Dr. Tillmann. Allerdings sollen die Tiere nach ihrer Freisetzung aber auch von Menschen so wenig wie möglich behelligt werden. Deshalb schränkt der Wissenschaftler ein: „Wenn es uns gelingt, die Tiere komplett einzufangen, werden wir auch im 4.300 Hektar großen Wisent-Wald jährlich eine Impfung durchführen.“