Tschechen orientieren sich an Wittgensteiner Wisentprojekt

Delegation aus den Nationalparks Sumava und Bayerischer Wald informierten sich in Bad Berleburg über den Artenschutz

Bad Berleburg, 10. Mai 2016. „Wir möchten von euren Erfahrungen lernen und unser Wissen bereichern“, sagt Martin Stary, stellvertretender Direktor des Sumava Nationalparks in Tschechien. Gemeinsam mit Kollegen aus dem Nationalpark Bayerischer Wald hatte eine Delegation aus Tschechien dem Wittgensteiner Wisent-Projekt am Sonntag und Montag einen Besuch abgestattet. Denn für den Sumava Nationalpark an der Grenze zu Deutschland gibt es erste Überlegungen, ebenfalls frei lebende Wisente anzusiedeln.

Die insgesamt achtköpfige Gruppe aus dem Bayerischen Wald und aus Tschechien ließ sich von den Vorstandsmitgliedern des Wisentvereins, Bernd Fuhrmann, Klaus Brenner und Johannes Röhl, ausführlich über das in Westeuropa bislang einzigartige Artenschutzprojekt zur Wiederansiedlung der größten Landsäugetiere des Kontinents informieren. „Der Besuch der Kollegen aus den beiden Nationalparks zeigt“, bilanziert der Erste Vorsitzende des Wisent-Trägervereins und Bad Berleburger Bürgermeister Bernd Fuhrmann, „das unser Wisent-Projekt weit über unsere Region hinaus große Aufmerksamkeit findet. Es wird von vielen Experten als Referenz und Vorbild für weitere Wisent-Ansiedlungen in Europa betrachtet.“

Von der Freisetzung von Wisenten im Sumava Nationalpark sind die tschechischen Wissenschaftler zwar noch ein großes Stück entfernt, aber sie wollen schon früh Erfahrungen für eine optimale Umsetzung sammeln. Das gilt in erster Linie für das Verhalten und die Verträglichkeit der Wisente im Ökosystem, aber insbesondere auch für den Prozess der Akzeptanz und Diskussion mit Anwohnern. Denn in und um den Nationalpark gibt es insgesamt 22 Dörfer – und die dürfen alle mitreden. Mit jedem einzelnen Ort ist eine Vereinbarung notwendig.

Johannes Röhl unterstrich deshalb den Erfolg des Wittgensteiner Projektes. Keine der zuvor geäußerten Befürchtungen hätten sich bisher bestätigt, lediglich die Klagen gegen die (stets finanziell ausgeglichenen) von den Wisenten verursachten Schälschäden gefährden das Projekt. Ein Konflikt, den die Experten aus Tschechien und dem Bayerischen Wald nicht nachvollziehen können, zumal die betroffenen Eigentümern großzügig entschädigt werden. Denn der Auftrag der Bayerischen Landesregierung an den Nationalpark lautet ausdrücklich, dass dort einstmals vorhandene und später ausgerottete Tiere wieder heimisch werden sollen.

Der langfristige Plan der Wiederansiedlung von Wisenten in Tschechien ist in erster Linie mit dem Ziel der Biodiversität verbunden, das heißt der Steigerung der Artenvielfalt. Außerdem sehen die Tschechen in den Wisenten ideale Tiere, um die offenen Flächen im Nationalpark besser pflegen und managen zu können. „Wir möchten die wilde Natur mit dem Artenschutzprojekt stärken“, unterstreicht Martin Stary.

Zwischen dem Sumava Nationalpark und dem Nationalpark Bayerischer Wald gibt es seit Jahren eine enge Zusammenarbeit. Von der Wiederansiedlung von Wisenten in Tschechien wären auch die benachbarten Bayern unmittelbar betroffen, denn die Wisente könnten Gefallen an Ausflügen über die grüne Grenze nach Deutschland finden. „Wir betreiben zwar keine aktive Wiederansiedlung von Wisenten“, unterstreicht Dr. Franz Leibl, der Leiter der Nationalparkverwaltung, „aber wir haben ein hohes fachliches Interesse an der Begleitung des tschechischen Vorhabens.“

Besonderes Interesse zeigten Dr. Leibl und seine Begleiter auch an den beiden Wisent-Kühen Abdia und Abtisa, die 2008 im Nationalpark Bayerischer Wald geboren worden waren und dann im Rothaargebirge einen entscheidenden Beitrag zum Aufbau der frei lebenden Herde im Artenschutzprojekt geleistet haben und noch immer leisten. Denn in der Zwischenzeit stellen die – auch Dank Abdia und Abtisa – in Wittgenstein geborenen Tiere die Mehrheit in der Herde. Allerdings kam es zu keinem Wiedersehen der Vertreter des Nationalparks mit ihren früheren Wisenten, da die Wisente praktisch nicht mehr gezielt aufgefunden werden können. Eine Entschädigung war dann der Besuch in der „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“, in der es unter anderem das vor wenigen Tagen neu geborene Kälbchen zu bestaunen gab.