Zac, Leitbulle der Wisent-Wildnis.

„Wir blicken zuversichtlich in die Zukunft“

Trägerverein legt die Jahresbilanz 2021 für das Wisent-Projekt im Rothaargebirge vor

Bad Berleburg, 4. Februar 2022: „Die wichtigste Botschaft des vergangenen Jahres war für uns die Kernaussage des wissenschaftlichen Gutachtens durch die Tierärztliche Hochschule Hannover im Auftrag des Kreises Siegen-Wittgenstein und des Landes Nordrhein-Westfalen: ,Das Projekt hat großen Modell- bzw. Vorbildcharakter.‘ Damit ist die Richtung für 2022 vorgegeben. Wir gehen daher mit Zuversicht in das neue Jahr“, gibt der Erste Vorsitzende des Wisent-Trägervereins, Bernd Fuhrmann, der traditionellen Jahresbilanz des Artenschutzprojektes im Rothaargebirge eine klare optimistische Richtung.

Bernd Fuhrmann erklärt weiter: „Auch den Verlauf der Koordinierungsgruppensitzung vom 4. Februar zum Wisent-Projekt sehen wir positiv. Die nächsten Schritte sind definiert. Wir sind daher zuversichtlich, dass das Projekt im Konsens mit den Beteiligten weitergeführt werden kann.“ Die Koordinierungsgruppe fungiert als eine Art Aufsichtsgremium und hat sich in ihrer jüngsten Sitzung mit den Ergebnissen des wissenschaftlichen Gutachtens zum Wisent-Projekt befasst. Weitere Sitzungen sollen folgen.

Zudem wird der Wisent-Verein im Laufe der kommenden Wochen intensive Gespräche mit möglichen Partnern führen, um das Wisent-Projekt auf eine noch breitere Basis zu stellen. Der Austausch mit Vertretern des Kölner Zoos und der Deutsche Wildtierstiftung ist bereits verabredet. Beide Institutionen eignen sich in besonderer Weise wegen ihrer Erfahrungen in der praxisnahen und wissenschaftlich fundierten Herangehensweise an komplexe Erhaltungs- und Wiederansiedlungsprojekte. Der Kölner Zoo vertritt die moderne Auffassung der Aufgabe von Zoos, welche weit über das zur Schau stellen von Tieren hinausgeht und bei der die intensive Beschäftigung mit Fragen der Nachzucht und Auswilderung bedrohter Tierarten einen hohen Stellenwert haben. Mit dem Kölner Zoo gibt es schon seit Längerem einen regen Austausch, die Deutsche Wildtierstiftung hat sich in den vergangenen Jahren als ein Institut herausgebildet, das aktiv und ohne Scheuklappen an Projekten zum Erhalt von heimischen Wildtieren in der Kulturlandschaft arbeitet – genau das, was unsere Ziele unterstützt.

Die frei lebende Herde

Nach letzten Beobachtungen aus dem Jahr 2021 besteht die frei lebende Herde im Rothaargebirge aus 24 Tieren. Vier Kälber sind im vergangenen Jahr geboren worden. Im Sinne des Herdenmanagements zur vertraglich festgelegten Begrenzung der Herdengröße sind insgesamt vier Bullen aus der Herde entnommen worden.

Mit dem Bau einer Fanganlage ist in 2021 begonnen worden, eine solche gibt es bereits im Besucherareal „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“. Mit der Fertigstellung der zweiten Anlage im Managementbereich des ehemaligen Auswilderungsareals wird im kommenden Herbst gerechnet.

In West-Europa leben bislang freie Wisente ausschließlich im Rothaargebirge. Die natürliche Abwanderung von jungen Bullen dient dem genetischen Austausch zwischen den Herden innerhalb einer Population. Im Rothaargebirge – mit der bewusst begrenzten Zahl an Individuen – müssen überzählige, aber für die Zucht wertvolle Tiere beiderlei Geschlechtes regelmäßig eingefangen werden. Eine Fanganlage erleichtert dies und ermöglicht den Transport zu Ländern mit ebenfalls freilebenden Wisenten, vorwiegend in Osteuropa.

Schälschäden

Auch im vergangenen Jahr waren Schälschäden durch die frei lebende Wisent-Herde nicht gänzlich zu vermeiden. Der Wisent-Verein hat deshalb aus dem zur Verfügung stehenden Schadensfonds insgesamt rund 41.000 Euro an Waldeigentümer gezahlt. Damit musste der Fonds, in dem jährlich mindestens 50.000 Euro zur Verfügung stehen, nicht ausgeschöpft werden.

Die Entwicklung der Schälschäden der vergangenen Jahre sieht wie folgt aus:

  • 2013: ca. 11.000 Euro
  • 2014: ca. 17.000 Euro
  • 2015: ca. 20.000 Euro
  • 2016: ca. 50.000 Euro
  • 2017: ca. 49.000 Euro
  • 2018: ca. 50.000 Euro
  • 2019: ca. 86.500 Euro
  • 2020: ca. 65.000 Euro
  • 2021: ca. 41.000 Euro

 

Besucherareal Wisent-Wildnis

Auch im vergangenen Jahr haben die Corona-Kontaktbeschränkungen Einfluss auf die „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“ gehabt. Das Besucherareal musste – wie 2020 auch – erneut teilweise schließen. Dennoch gibt es positive Zahlen zu vermelden. Obwohl die „Wisent-Wildnis“ in der Zeit vom 1. Januar bis 17. März schließen musste, kamen im vergangenen Jahr insgesamt rund 27.000 Besucherinnen und Besucher in das Besucherareal in Wingeshausen.

Das größte Interesse hat der Wisent-Verein im Monat Augst festgestellt, da kamen alleine mehr als 4.000 Gäste. 3.025 Besucherinnen und Besucher der „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“ legten in der Zeit von Mai bis Dezember die SauerlandCARD und 420 die WinterbergCARD in der Zeit von Mai bis November beim Ticketkauf vor.

Seit der Eröffnung im Herbst 2012 kommen im Jahresdurchschnitt regelmäßig mehr als 30.000 Besucherinnen und Besucher in die „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“. Im Rekordjahr 2019 zählte der Wisent-Verein knapp 35.000 Gäste.

Zum Ende des Jahres 2021 bestand die Herde im Besucherareal aus zehn Wisenten, zwei davon – ein weibliches und ein männliches Tier – waren dort im vergangenen Jahr geboren worden. Eine Kuh musste nach langen Behandlungsversuchen eingeschläfert werden.

Die Jungbullen Quill und Quandro sind im Sommer aus dem Besucherareal ausgezogen. Quandros Ziel war Rumänien; dort leistet er einen Beitrag zum Aufbau einer frei lebenden Wisent-Herde. Quills Ziel war Donaumoos, um dort mit seinen wertvollen Genen für die Zucht eingesetzt zu werden.

Im Besucherareal sind für die Gäste neue Sichtschneisen entstanden. Auf diese Weise können Besucherinnen und Besucher umfassend in das 20 Hektar großes Areal blicken, und gleichzeitig verfügen die Wisente über umfangreichere offene Flächen zum Äsen / zur Nahrungsaufnahme. Diese Veränderungen sind erste Umsetzungen von Empfehlungen aus einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit zweier Studentinnen.

Wissenschaftliche Begleitforschung

Erkenntnisgewinn und wissenschaftlicher Austausch sind wesentliche Säulen des Artenschutzprojektes im Rothaargebirge. Dazu zählen Tagungen, Symposien und Fachkonferenzen. Die Coronavirus-Pandemie hat dies auch im Jahr 2021 nicht gerade einfach gemacht. Dennoch konnte die wissenschaftliche Koordinatorin Kaja Heising an drei Tagungen, darunter in Polen, persönlich teilnehmen. Ebenso an zahlreichen Online-Konferenzen wie z.B. der des Umwelt-Ministeriums Litauen und dem UNESCO Weltnaturerbe Webinar.

Dazu kommen 13 Fachvorträge im In- und Ausland von Kaja Heising oder Studentinnen und Studenten, die zum Wisent-Projekt im Rothaargebirge geforscht haben. Außerdem wurden in 2021 drei universitäre Abschlussarbeiten zum Thema Wisente im Rothaargebirge vorgelegt, die vom Verein begleitet bzw. unterstützt wurden.

Ein umfangreiche Publikationsliste zum Wisent-Projekt im Rothaargebirge gibt es jetzt auch im Internet unter www.wisent-welt.de/publikationen

Naturerlebniszentrum

Ein schwieriges Jahr war 2021 für das Naturerlebniszentrum Wisent-Welt. Denn in der Zeit von Januar bis Mai 2021 waren aufgrund von Corona keine Gruppenveranstaltungen möglich; das Zentrum blieb daher geschlossen.

In den Monaten Juni bis Ende Dezember wurde das Naturerlebniszentrum mit seinen Bildungs- und Naturerlebnisangeboten und die Wisent-Info-Ausstellung am Marktplatz in Bad Berleburg von insgesamt knapp 6.000 Menschen besucht.

Tourismus

Die Attraktivität des Wisent-Artenschutzprojektes ist für die Region weiterhin ungebrochen. Das bestätigt auch der Geschäftsführer des BLB Tourismus, Andreas Bernshausen.: „Die Wisente sind die wichtigsten Markenbotschafter der Region und leisten einen wichtigen Beitrag zur Wertschöpfung. Die Wisente sind für viele Menschen der Anlass, in die Region zu kommen. Und die Kombination von Tourist-Information und Wisent-Erlebnisausstellung am Marktplatz in Bad Berleburg haben dort zu einer deutlichen Steigerung der Frequenz geführt.“

Das bestätigt auch das von Land und Kreis beauftragte wissenschaftliche Gutachten. Dort heißt es: Das Artenschutzprojekt „genießt eine hohe mediale Aufmerksamkeit“, das Besucherareal „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“ sei ein Publikumsmagnet. Und das Fazit des Gutachtens lautet: „Der Erfolg eines solch einzigartigen Projekts zum Artenschutz erfordert eine hohe Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung. Dies ist nur durch Aufklärung erreichbar. Das Besucherareal leistet genau diese Aufklärungsarbeit und sorgt für einen steigenden Bekanntheitsgrad der Region. Dieses Besucherareal wiederum wird erst durch das Artenschutzprojekt möglich.“