Wisent-Kalb wird jetzt mit der Flasche aufgezogen

Horno und Gutelaune erkunden die „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“ / „Ausflugs-Kuh“ Faye ist gesichtet wird zurück in das Areal gelockt

Streifzug durch ihr neues Revier: Bulle Horno und Wisentkuh Gutelaune.

Bad Berleburg, 10. Dezember 2011: Das am Mittwoch geborene Kälbchen hätte nach Aussage von Kreistierveterinär Dr. Wilhelm Pelger in der Auswilderungs-Herde nicht überlebt. Zu klein und schwach war es auf die Welt gekommen. Bis auf Weiteres befindet sich das Jungtier deshalb jetzt in der Obhut und im Stall von Wisent-Ranger Jochen Born, der auch Landwirt ist und sich mit Rindtierhaltung auskennt. „Wir hoffen sehr, dass wir das Kälbchen auf diese Weise am Leben erhalten und stark für den Einzug in die „Wisent-Wildnis“ machen können“, sagt der erste Vorsitzende des Trägervereins, Bernd Fuhrmann.

Die Entscheidung, das Kälbchen von seiner Mutter Gutelaune zu trennen, musste gut überlegt werden, berichtet Bernd Fuhrmann. Gutelaune und Bulle Horno waren am Freitag vom Auswilderungsareal in die „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“ umgezogen. Beide verbrachten die Nacht auf dem Tiertransporter, um sich von der Narkose zu erholen. Gutelaunes Kälbchen war bis Samstagmorgen ebenfalls im Fahrzeug in der Nähe der Mutterkuh untergebracht – unter ständiger ärztlicher und pflegerischer Betreuung. Für den Transport musste es nicht narkotisiert werden. Denn aufgrund seines geringen Gewichts von zirka 15 bis 20 Kilogramm konnte es einfach von Menschhand getragen werden.

In Bad Berleburg gibt es jetzt zwei Wisent-Herden. Die eine mit Bulle Egnar wird seit März 2010 im Auswilderungsareal auf die Freisetzung in einem 4.300 Hektar großen bewirtschafteten Wald vorbereitet. Dies soll Ende 2012 geschehen. Die zweite Herde mit Gutelaune, Horno und anderen ist dagegen in der „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“ zuhause. Diese zweite Herde bildet den „touristischen Arm“ des für Westeuropa einzigartigen Artenschutzprojektes. Denn Wanderer werden die „Ursprungs-Herde“ im 4.300 Hektar großen Wald wegen der geringen Anzahl und dem menschenscheuen Verhalten praktisch nicht zu Gesicht bekommen.

Am Mittwoch dieser Woche waren mit Faye und Fasel die ersten beiden Wisent-Kühe für die neue „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“ eingetroffen. Sie stammen aus dem Wildpark Alte Fasanerie in Hanau. Am Freitag kamen dann Horno und Gutelaune dazu. Anfang kommenden Jahres werden dann zwei weitere Wisent-Kühe die Herde vorerst komplettieren.

Nachdem Horno und Gutelaune die Nacht auf dem Tiertransporter verbracht hatten, nahm Tierarzt Dr. Pelger am Samstagmorgen noch mal eine eingehende Untersuchung der Tiere vor. Dann gab er grünes Licht, und beide Wisente konnten gegen 11 Uhr ihr neues Zuhause in Augenschein nehmen. Sie machten sich sogleich auf und erkundeten das Gelände, berichtete Wisent-Ranger Jochen Born sichtlich zufrieden.

Die tiermedizinische Untersuchung hatte auch ergeben, dass Gutelaune keine Milch geben kann, erläutert Born. Die Wissenschaftler und Tierexperten vor Ort beobachteten dann auch Gutelaunes Verhalten ganz genau. Als klar war, dass Gutelaune keine starken Muttergefühle entwickelt hatte und sich auch nicht auf die Suche nach ihrem Kälbchen machte, konnte die Entscheidung getroffen werden: Das Kälbchen wird von der Mutter getrennt und von Hand aufgezogen. Gutelaune machte sich derweil mit Horno auf den Weg, die Grenzen des Areals zu erkunden. Dabei werden die beiden Tiere auch schnell Kontakt zur Kuh Fasel aufnehmen, die am Mittwoch aus Hanau gekommen war.

Die kleine Herde hatte dann schnell herausgefunden, wo sich „Spaziergängerin“ Faye gerade aufhält: nämlich in der Nähe des Außenzauns. Sie hatte am Donnerstag eine menschliche Unachtsamkeit genutzt und eine offenstehendes Außentor passiert. Nun wird sie mit Futter zurück in das Areal gelockt. Gleichzeitig übt auch die neue Wisent-Gruppe eine starke Anziehungskraft aus, denn Wisente sind Herdentiere und suchen die Gemeinschaft mit ihren Artgenossen. „Wir sind deshalb sehr zuversichtlich, dass Faye bald den Weg zu ihrer neuen Familie finden wird“, sagt Johannes Röhl, Direktor der Rentkammer und 3. Vorsitzender.

Das Artenschutzprojekt in einem bewirtschafteten Wald im Eigentum von Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein Berleburg wird vom Bundesamt für Naturschutz aus Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und dem Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen sowie vom Kreis Siegen-Wittgenstein, der Stadt Bad Berleburg und zahlreichen privaten Sponsoren gefördert.